Ost trifft West - ein seidener Beutel / east meets west - a silk pouch

Geschrieben in Sticken am 18.09.2017 von Eva-Maria

Neben aufwendig bestickten Almosen- / Reliquienbeuteln (Beispiel) finden sich in den mittelalterlichen Textilsammlungen der Museen auch Beutel aus Seidenstoffen (Beispiel 1, Beispiel 2). Seidentaffeta, Samte und Brokatstoffe (oft mit Gold- und Silberfäden durchwirkt) scheinen hier die bevorzugte Wahl gewesen zu sein, waren diese Luxustextilien doch gut geeignet, Wohlstand und Status auszudrücken. Wo bei bestickten Beuteln die Stickerei im Mittelpunkt stand, lag der Fokus bei Beuteln aus Stoff auf den Details. So wurden die Seiten beispielsweise aufwendig mit winzigen Türkenkoten aus Gold- bzw. Silberlahn dekoriert oder Perlen aufgenäht. Die Tasselköpfe konnten mit Türkenknoten oder gewebten Details verziert sein und gerne wurden auch Pompons als Eckverzierung verwendet.

In meiner Interpretation verwende ich einen Seidenstoff in Lampaswebung mit Weinblättern und Lotosblüten, der einem italienischen Muster des 14. Jahrhunderts nachempfunden ist. Der Stoff ist ein schönes Beispiel dafür, wie der Seidenhandel im Spätmittelalter die lokale Webtradition beeinflusst und bereichert hat (Lotosblüten sind ein beliebtes asiatisches Motiv, das Muster aus Weinblättern stammt aus Europa). Hier noch die weiteren Details meiner Rekonstruktion:

  • Die Seiten des Beutels werden durch eine brettchengewebte Borte miteinander verbunden, die zugleich auch den Henkel des Beutels bildet. Da der Seidenfaden sehr dünn ist habe ich hierzu 4 Brettchen (also 16 Fäden) verwendet.
  • Dekoriert wird der Beutel mit zwei Tasseln mit Türkenknoten und vier kleinen Türkenknoten an den Seiten. Da mein Silberfaden im Vergleich zum mittelalterlichen Silberlahn zu dünn war, habe ich erst ein rundes Band aus 5 Schlaufen in Fingerschlaufenwebtechnik hergestellt und dieses 1mm breite Band anschließend zu Türkenknoten weiterverarbeitet. Beim Knüpfen der kleinen Knoten für die Seitendekoration hat sich ein Schraubenzieher als Hilfsmittel bewährt - über dem Metallteil lassen sich die Knoten gut durchfädeln. Die Türkenknoten für die Tasseln bestehen ebenfalls aus einem fingerschlaufengewebtem Band, diesmal mit 8 Schlaufen in Spiralmuster.
  • Das Futter des Beutels ist pflanzengefärbter gelber Seidenstoff, der mithilfe einer brettchengewebten Kante fixiert und die Beutelöffnung so zugleich versäubert wurde.
  • Die fingerschlaufengewebten Zugbänder sind an den Enden zu einer Tassel zusammengefasst und mit einem winzigen Türkenknoten verziert.
  • Der fertige Beutel misst (exkl. Aufhängungsband) ca. 10 x 9 Zentimeter und entspricht damit einer damals üblichen Größe.

Apart from richly embroidered alms/reliquary pouches (example)  the medieval textile collections of international museums also feature pouches made of silk fabrics (example 1, example 2). Silk taffeta, velvets and brocades (often incorporating gold and silver threads) seem to have been the preferred choice, as these luxury textiles were perfectly suited to show off wealth and social standing. Where embroidered pouches focus on the embroidery, textile pouches seem to rely heavily on decorating elements. The side seems could be decorated with tiny turk's head knots of gold and silver thread or sewn-on pearls. Tassel heads were covered with turk's head knots or needle-woven decoration and sometimes pompons were used for the corners.

In my interpretation I use silk lampas fabric with a motiv of wine leaves and lotus flowers, that has been based on an Italian fabric of the 14th century. This fabric is an excellent example of how the silk trade influenced local weaving traditions in late-medieval times (lotos flowers are a popular Asian motiv whereas wine leaves are a European one). Here are the further details of my interpretation:

  • The sides of the pouch are closed with a tablet-woven band that forms the hanging strap as well. As the silk thread was very fine, I used 4 cards (16 threads) for the weaving.
  • Two tassels with silver turk's head knots and four tiny knots on each side seam serve as decoration. As my silk thread - compared to the medieval originals - was too thin to properly use for knotting, I first wove fingerlooped strings to use as substitute. The 1mm thick thread for the small turk's head knots is a "lace common round of 5 bows". I found a screwdriver to be a helpful tool to weave the tiny knots. The knots used as tassel heads are made of a thicker fingerlooped string, the pattern called a "lace bend of 8".
  • The lining is made of plant-dyed yellow silk fabric. It was secured with a tablet-woven edge which adornes the pouch opening at the same time.
  • The drawstrings are basic fingerlooped strings of 5 loops. Their ends are secured together to form a tassel which is finished off with a tiny turk's head knot.
  • The finished pouch measures (excluding the hanging strap) ca. 10 x 9 centimeters and matches its medieval models in size.

 

Die brettchengewebte Seitennaht - hier geht's zum Tutorial.
The tablet-woven side seam - click here for the tutorial.
Der kleine Türkenknoten wird wie ein mittelalterlicher Stoffknopf angenäht.
The turk's head knot is sewn onto the edge like a medieval button.
Detailaufnahme der Verzierung mit Türkenknoten.
Close-up view of the decoration with turk's head knots.
Auch der Tassekopf glänzt mit jeder Menge "Bling".
Also the tassel head sports a lot of "bling".
Versäuberung der Beutelöffnung mit brettchengewebter Kante.
Adorning the pouch opening with a tablet-woven edge.
Mithilfe einer Knochenahle werden Löcher in den Stoff gebohrt und die Zugbänder durchgefädelt.
Using a bone awl to make holes in the fabric and pull the drawstrings through.
Klein aber Oho - der fertige Beutel.
Tiny and shiny - the finished pouch.

 

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