Kategorie: Alltag

Ein blaues Wunder erleben / trying woad dyeing

Geschrieben in Alltag am 30.10.2019 von Eva-Maria

"Das blaue Wunder" heißt es im Färberjargon, wenn die Waid- bzw. Indigofärbung an der Luft umschlägt und die strahlende Farbe zutage tritt. Doch hat die Redewendung auch eine andere Bedeutung - und um diese weniger angenehme Lesart geht es in diesem Bericht zum Färbeexperiment mit frischem Waid. Zum Hintergrund: In einem Blogbericht hatte ich gelesen, dass die Waid-Färbung auch mit handelsüblichen Mitteln, ganz ohne aufwändiges Küpenverfahren, klappen sollte. Das wollte ich natürlich ausprobieren und machte mich frisch ans Werk. (Englisch summary at the end).  Mein Fazit: Eine Färb...

Vom Schaf zum Faden / from sheep to stitching thread

Geschrieben in Alltag am 02.09.2019 von Eva-Maria

Die Living History Thementage "Von der Faser zum Wandbehang", die wir für das Tiroler Volkskunstmuseum vorbereiten durften, boten uns die willkommene Gelegenheit, uns tiefer mit Thematik der Wollproduktion zu beschäftigen. Wir hatten zwar zur Textilproduktion im mittelalterlichen Tirol bereits recherchiert , die praktischen Verarbeitungsschritte kannten wir jedoch noch nicht. Also starteten wir das Experiment "Vom Schafvlies zum Faden" und möchten euch hier an unseren Erlebnissen teilhaben lassen.   1. Finde das richtige Schaf Durch unsere Recherchen wussten wir, dass das Tiroler Steinschaf di...

Von stacheligen Sachen /of spiky things

Geschrieben in Alltag am 08.05.2019 von Eva-Maria

Die Textilproduktion im Mittelalter war eine spezialisierte Angelegenheit in dem Sinne, dass sich zahlreiche längst vergessene Berufe mit der Herstellung sowie Be- und Verarbeitung von Tuchwaren beschäftigten. Da gab es die Wollkämmer, Garnmacher, Färber und klarerweise Weber, aber auch so spannende Berufsfelder wie Tuchscherer oder Tuchrauher (vgl. Hausbücher der Nürnberger Zwölfbrüderstiftungen). Letzterer wird oft mit einem äußerst typischen Werkzeug dargestellt - einem mit stacheligen Kugeln besetzten Kreuz, das zum Veredeln der Stoffoberfläche diente. Für unseren Schautisch zur Textilprod...

Der falsche Zunder / a wrong kind of tinder

Geschrieben in Alltag am 29.12.2018 von Eva-Maria

Wer sich mit Feuer machen im Mittelalter beschäftigt, stößt auf ein immer wieder genanntes Zundermaterial - den Zunderschwamm. Dieser Baumpilz der Gattung Fomes Fomentarius wächst auf sterbenden Buchen und Birken und beherbergt in seinem Innern weiches Fruchtfleisch - die sogenannte Trama-Schicht - die sich hervorragnet dazu eignet, Funken aufzufangen und lange zu glimmen. Damit war der Pilz bereits in der Jungsteinzeit eine begehrte Zutat zum Feuer machen (die berühmte Gletschermumie "Ötzi" führte Zunderschwamm mit sich). Soviel zur Theorie - hätte ich die nur vorher gewusst bzw. ordentlich r...

wer nit zöpf und schaiteln trüg als die frawen nach ir art / a hairstyle after the Tacuinum Sanitatis manuscript

Geschrieben in Alltag, Kleidung am 30.11.2016 von Eva-Maria

Schon länger wollte ich eine Frisur ausprobieren, die im Tacuinum Sanitatis (zB Bild 037, BNF_NAL1673_ca1390) häufig zu sehen ist. Dazu benötigte ich zuerst jedoch ein Band, mit dessen Hilfe die Haare quasi an den Kopf "genäht" werden können. Meine IG14-Kollegin von den Wienischen Handwercluiten hat bereits ein ähnliches Haarband mit einem Webkamm hergestellt und ihre Versuche, die Frisur zu rekonstruieren, im Blog dokumentiert. Ich wollte mein Band mit der Fingerschlaufen-Webtechnik (Fingerloop) herstellen und hab mich dazu an die Anleitung für Band Nr. 38. A grene Dorge aus "Tak V bowes dep...

Lirum Larum Löffelstil / trying my hands on spoon carving

Geschrieben in Alltag am 30.09.2016 von Eva-Maria

Anfang Jänner habe ich meine Komfortzone verlassen und mich an ein ganz andreres Material gewagt - Holz. Für jemanden wie mich, der gerne mit Fäden und Stoffen hantiert, war es unglaubliches Neuland, diesen Werkstoff in den Händen zu halten und dann auch noch zu bearbeiten. Jedenfalls habe ich mich an Holzschnitzarbeiten versucht und einen Löffel nach dem Vorbild des Fundes von Schloss Runkelstein, datiert auf das 15. Jhdt., gefertigt. Ohne passendes Löffelschnitzmesser ist es zwar mühselige Kleinarbeit, die Laffe zu formen, am Ende hat es dann aber geklappt. Dabei hab ich mich nicht einmal in...

grīse loden & bunte tuoche - regionale Stoffe kleiden das Land

Geschrieben in Alltag am 20.09.2016 von Eva-Maria

Wolle und Leinen waren in Tirol ein wichtiges bäuerliches Zinsgut; Urbare (Zinsgüterverzeichnisse) vom 13. bis zum 15. Jahrhundert und anlässlich von Erbschaftsabhandlungen und Verpachtungen aufgenommene Inventare sind voll von diesbezüglichen Hinweisen. (Vielfach wird ein 'pannus lineus' oder ein 'Pannus laneus' erwähnt). Die Schwaighöfe in Enneberg mussten dem Stift Sonnenburg, dem sie gehörten, in den Jahren 1296 bis 1315 die gesamte Wolle von 368 Schafen abliefern. Zentren nicht nur der Woll-, sondern auch der Leinenproduktion waren die Ämter Petersberg (Silz) und Nauders im Oberinntal. A...

wo wëberschiffelîn stân nit still - Textilproduktion im mittelalterlichen Tirol

Geschrieben in Alltag am 09.09.2016 von Eva-Maria

Die frühesten Nennungen von Textilhandwerkern in Tirol finden sich im 13. Jahrhundert in den Städten Bozen, Meran, Innsbruck, Brixen und Bruneck, da sich dort durch die entsprechende Nachfrage und durch die regelmäßig stattfindenden Märkte spezialisierte Gewerke entwickeln konnten. Das Herstellen von Textilien und Kleidung erfolgte hier oft durch Frauen in Heimarbeit, wie aus einem Steuerverzeichnis der Bamberger Eigenleute im Vinschgau von 1307 hervorgeht, in dem mehrere Weberinnen genannt sind. Zahlreiche Handwerker lassen sich auch in Bozen nachweisen: Die Stadt bildete mit den seit 1202 n...

ein wüllîn röckelîn - Vom Schaf zum Wollstoff

Geschrieben in Alltag am 02.09.2016 von Eva-Maria

Schafzucht ist im Gebiet des heutigen Südtirol seit der jüngsten Steinzeit nachzuweisen. Die hochgelegenen und kargen Alpengebiete (in Südtirol liegen 40% des Landes über 2000 m) eigneten sich besonders für die Haltung von Schafen. Die größten Schafherden gab es im Pustertal, vor allem in der Gegend von Lienz und Sillian und im Tauferer Tal, während die feinste Wolle aus dem Schnalstal und den ladinischen Bezirken wie Abtei, Fassa und Buchenstein kam. Zusammen mit dem oberen Vinschgau und der Sterzinger Gegend zählte das Pustertal mit seinen Seitentälern früher zu den wichtigsten Schafzuchtge...

den har spinnen - Verarbeitung von Flachs zu Leinen

Geschrieben in Alltag am 22.08.2016 von Eva-Maria

In der bäuerlichen Hauswirtschaft gab es vornehmlich drei Faserlieferanten: das Schaf, den Flachs und den Hanf. Alle drei Rohstoffe wurden meist auf dem eigenen Hof produziert und dort versponnen und zu Tuch verarbeitet. Der Bauersfrau fiel im Rahmen der Textilherstellung nicht nur das Spinnen und Weben selbst zu, sondern der gesamte Herstellungsprozess von der Gewinnung der Rohstoffe bis zu den fertig hergestellten Kleidern lag in ihren Händen. Die so hergestellten Stoffe dienten einerseits als Zinsgut für den Grundherrn, andererseits als Handelsware für den städtischen Markt (und brachten d...