...sol stechen ain Pild von Seiden - Seidennater im spätmittelalterlichen Tirol

Geschrieben in Sticken am 25.07.2017 von Eva-Maria

Der Beruf des Seidenstickers war ein Handwerkszweig im mittelalterlichen Tirol, der mit der Hofhaltung der Habsburger vom 15. – 17. Jahrhundert in Innsbruck seine Blütezeit erlebte. Nichtsdestotrotz waren schon vorher professionelle Seidensticker auf dem Gebiet des heutigen Nord- und Südtirols tätig gewesen. Am Hof der als Tiroler Landesfürsten gemeinsam regierenden Brüder und Herzoge Otto, Ludwig und Heinrich (1295-1310) in Meran wurde bereits aufwändiger Kleiderprunk getrieben. Wenn auch kein Seidensticker erwähnt wird, so weisen doch zahlreiche Nachrichten auf Seidenstickerarbeiten hin (zB die Bestellung tausender von Perlen (weiß und vergoldet) und durchbohrter Korallen, von Spulen mit Gold- und Silberfäden, Baldachinen mit den Wappen der Herzoge, Bändern mit Perlen, Fahnen mit den Bildnissen des Herzogs Ludwig, die Verwendung von Goldfäden für Kleider, Polster und seidene Gürtel).

Auch in späteren Jahrhunderten erwiesen sich vor allem die Kirche und der Adel als zuverlässige Auftraggeber von exklusiven Messgewändern zB vier in Seide gestickten Wandteppichen mit den Szenen aus dem Leben des HI. Vigilius im Domschatz von Trient aus dem Ende des 14. Jahrhunderts oder repräsentativen, reich bestickten Kleidungsstücken, Fahnen und Turnierdecken.

Egg Erich: Die Kunst der Seidensticker im Umkreis des Innsbrucker Hofes Schlern-Schriften Band 228, Universitätsverlag Wagner, 1962.

 

Auch scheinen in den zeitgenössischen Textquellen - Raitbücher der Fürsten, Bürger- und Inwohnerbücher der Städte sowie der Abgabenverzeichnisse - immer wieder Personen auf, die als „Seidennäher“ bezeichnet wurden – im damaligen Sprachgebrauch sowohl ein Nachname wie auch eine Berufsbezeichnung:

  • Seidennater
  • Seidenater
  • Seidenneer
  • Seydenater
  • Seydensticker
  • Seidenstückher
  • Seidenstickhler

Die ersten namentlichen Erwähnungen von professionellen Stickhandwerkern tauchen erst Mitte des 15. Jahrhunderts – mit der Etablierung des Innsbrucker Hofes unter dem prunkliebenden Erzherzog Sigmund (1440-1496) auf. Mit Regierungsantritt König Maximilians I. (1490-1519) und seinem Bedürfnis nach höfischer Prunkentfaltung und damit auch nach Stickereien für kirchliche Stiftungen und repräsentative Kostüme festigte sich Innsbrucks Stellung als bedeutendes Zentrum für spätmittelalterliche Stickerei im deutschsprachigen Raum.

  • Als erster in Innsbruck ansässiger Seidensticker ist ein Meister Hans zu bezeichnen, der bereits um 1453 Bürger wurde. Er erscheint 1473 bei der Volkszählung als „Hanns seidenatter".
  • Ein Seidennäher Konrad wird zwischen 1453 und 1477 in Innsbruck genannt.
  • Der Seidennater Sebastian Merwald (Merwalder) fungierte von 1480-1489 als Brudermeister der Sebastiansbruderschaft in Innsbruck.
  • Der 1484 genannte „Seidennatter" Hans Lang dürfte mit dem Seidennäher Hans identisch sein, der 1500-1513 erwähnt wird und ein Haus neben dem Pickentor besaß. Er arbeitete 1513 an einem schwarzen Damastchormantel der Innsbrucker Pfarrkirche, wozu er 22 Lot Seidenfransen kaufte.
  • Kaiser Maximilians Hofseidensticker Meister Leonhard Straßburger war von 1490 bis zu seinem Tod 1517 in Innsbruck ansässig. Am 2. Juli 1507 starb Straßburgers zweite Gemahlin Margaretha. Noch im gleichen Jahr heiratete der Meister zum dritten Male, denn im Dezember 1507 trat „Lienhard Straßburger seydensticker mit Martha seiner Hausfrau" in die Innsbrucker Barbarabruderschaft der Maler und Goldschmiede ein.

Egg Erich: Die Kunst der Seidensticker im Umkreis des Innsbrucker Hofes Schlern-Schriften Band 228, Universitätsverlag Wagner, 1962.

Auch dem Meraner Stadtsteuerregister von 1492 sind gleich zwei Handwerker dieses Berufszweiges samt ihrer Steuerschuld zu entnehmen und zwar: Marx Seydenater, der 3 lb perner und maister Kuenrat Seidnnater, welcher 1 lb zu leisten hatte.

Meraner Anzeiger, 01.10.2015, Seite 15.


Im 16. Jahrhundert werden in Innsbruck namentlich 11 Seidensticker genannt, die eine Beziehung zum Innsbrucker Hof oder dem Damenstift in Hall in Tirol hatten, zwei weiteren wurden Einwohnerrechte in Brixen verliehen.

  • Jörg Merwald, 1501-10
  • Meister Conrad Stumpf (Kumpf), 1501- 1518
  • Johannes Dominicus von Mailand, 1511 - 1537
  • Sebastian Wenger (seit 1537 genannt)
  • Bartholomäus von der Gampp (Kampf) (seit 1537 genannt).
  • Franz Arberger, nachweisbar 1584 in Prag, war vorher in Innsbruck tätig gewesen.
  • Erasmus Bin (Pinn) heiratete 1563 in Innsbruck Helena Schrävogl und dürfte wohl aus Süddeutschland zugewandert sein.
  • Martin Dankwarter, 1565
  • Sigmund Trefler, 1570 - 1576
  • Konrad Acker, 1577 - 1584 aus Frankfurt a. M. zugewandert
  • Bernhard Attlmayr - 1580 als Seidensticker von Schwaz in Innsbruck als Inwohner aufgenommen,

Freitag, 3. November 1536
Verleihung der Einwohnerrechte von Brixen an: Jeronimus Trogman, seidennatter von Hall im Innthal, sein vatter Petter Trogman, die mueter Margreth.

15. März 1590
Verleihung der Einwohnerrechte von Brixen an: Christoff Gürschner, seidenstickhler von Insprugg pürtig, sein vater hat Sigmundt Gürschner gehaissen, ist der fürstlichen durchlaucht Erzherzog Ferdinand zu Ossterreich etc. hof pravoß gwest und daselbst verstorben, die muetter haist Catharina Plaickhnerin lebt noch, hat auf fürbrachten schein der sibtsall inwoner gelt geben 2 fl.

Tolloi Philipp:  Das Bürger- und Inwohnerbuch der Stadt Brixen von 1500-1593 - Edition und Kommentar, Magisterarbeit, Universität Wien, 2010.


Im 17. Jahrhundert werden 11 Personen als Seidensticker in Innsbruck genannt. Nur zwei von ihnen, Hans Attlmayr und Karl Ludescher, standen im Dienst Erzherzog Leopolds V., dreien ging es so schlecht, dass sie von städtischen Almosenleben mussten, einer versuchte sich mit dem Betrieb einer Winkelschule den Unterhalt zu verbessern und einer wanderte aus. Vor allem der 30-jährige Krieg und die dadurch veränderte Auftragslage dürfte wesentlich zum Niedergang des Seidenstickerhandwerks beigetragen haben.

Egg Erich: Die Kunst der Seidensticker im Umkreis des Innsbrucker Hofes Schlern-Schriften Band 228, Universitätsverlag Wagner, 1962.

Heilige Familie, British Library MS Add. 18193, ca. 1460

Leider findet sich in den Tiroler Quellen kein Hinweis auf eine Beteiligung von Frauen als Handwerkerinnen im Stickereigewerbe. Gemäß der damals übrigen Mitarbeit von Frauen und Töchtern im Betrieb ihres Mannes kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die im Juli 1507 verstorbene Margaretha, Gattin des Hofseidenstickers Meister Leonhard Straßburger, vor ihrem Tod möglicherweise ihrem Mann im Betrieb zur Hand ging. Gleiches kann auch von seiner dritten Gattin Martha (Eheschließung im Dezember 1507) angenommen werden.

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