den har spinnen - Verarbeitung von Flachs zu Leinen

Geschrieben in Alltag am 22.08.2016 von Eva-Maria

© De Claris mulieribus– BNF Gallica

In der bäuerlichen Hauswirtschaft gab es vornehmlich drei Faserlieferanten: das Schaf, den Flachs und den Hanf. Alle drei Rohstoffe wurden meist auf dem eigenen Hof produziert und dort versponnen und zu Tuch verarbeitet. Der Bauersfrau fiel im Rahmen der Textilherstellung nicht nur das Spinnen und Weben selbst zu, sondern der gesamte Herstellungsprozess von der Gewinnung der Rohstoffe bis zu den fertig hergestellten Kleidern lag in ihren Händen. Die so hergestellten Stoffe dienten einerseits als Zinsgut für den Grundherrn, andererseits als Handelsware für den städtischen Markt (und brachten dabei einen willkommenen Zuverdienst an den Hof).

Quelle: „Jahreszeiten - Lebenszeiten - Das bäuerliche Alltagsleben im Mittelalter insbesondere aus der Sicht der Frau“, Maria Narbeshuber, 2005.

Wie bedeutend die Flachspflanze für die Bauern war, spiegelt sich auch in manchen Flurnamen wieder, die heute noch darauf hindeuten, wo in Tirol Leinen angebaut wurde. Das mittelhochdeutsche har für (den nicht verarbeiteten) Flachs bzw. mhd. hanef, hanif für Hanf kommt z.B in folgenden Tiroler Örtlichkeitsnamen vor.

  • HANFFELD (Innsbruck-Land/Telfs)

  • PLON HARLAND (Innsbruck-Land /Steinach a. Brenner)

  • HARLAND (Kufstein/ Rettenschöss)

  • HARLANDER ALM (Kufstein/ Rettenschöss)

  • HARISSEN (Kufstein/ Schwoich)

Auch in Gemeindewappen ist die textile Vergangenheit der Ortschaften abgebildet. So findet sich die typische blaue Flachsblüte im Wappen der Gemeinde HÖFEN (Bezirk Reutte), einst wichtiger Ort für Flachsanbau und –verarbeitung, sowie im Wappen von UMHAUSEN im Ötztal wieder.

Quelle: Hanf und Flachs – Zeugnisse früher Agrarproduktion in österreichischen Örtlichkeitsnamen, Theresa Hohenauer, 2011

 


Anbau und Verarbeitung von Flachs

Da die Vegetationszeit des Flachses von etwa hundert Tagen relativ kurz ist und er ein kühles, vor allem aber ein feuchtes Klima bevorzugt - dies steigert die Fasern im Stängel - eignet sich der Flachs gut als Kulturpflanze in den höher gelegenen Alpentälern mit kurzen Sommern und dem Hauptanteil der Niederschläge in den Monaten Juli und August. Daher lagen die größten Anbaugebiete bei St. Sigmund im Pustertal, im Gsieser Tal und in der Toblacher Gegend, wo die feinste Faser gewonnen wurde.
Die Fasergewinnung ist langwierig und mühsam und erfordert daher viele Arbeitskräfte. Zuerst muss der Flachsacker mehrmals geeggt und nach dem Aussäen leicht angewalzt werden. Da Flachs ein Starkzehrer ist, kann er nicht zweimal auf demselben Feld angebaut werden. Die Aussaat erfolgte nach den Eisheiligen im Mai und nicht später, da sonst der frühzeitig einsetzende Herbst die Samenreife verhinderte. Dabei galt: "Wer viele und feine Leinfasern will, sät dicht." Unkraut kann den heranwachsenden und sehr empfindlichen Flachspflanzen wichtige Nährstoffe entziehen und machte daher öfteres Jäten erforderlich. Wenn sich schließlich im August das Flachsstroh gelb zu färben beginnt, der Flachs ca. 70 cm hoch steht und ungefähr die Hälfte der Samenkapseln abwärts hängt und braun geworden ist, wird geerntet.

 

Arbeitsschritte in der Leinenproduktion

Flachs wird beim Ernten nicht geschnitten, sondern gerauft: mit einer Hand fasst man ein Bündel Flachsstängel und reißt sie samt den Wurzeln aus. Nach dem Trocknen an der Scheunenwand erfolgt das Riffeln. Das Bündel wird durch die Riffel, eine Art grobzackiger Eisenrechen, gezogen, sodass die Samenkapseln abfallen. Diesen Samen verwendet der Bauer zur nächsten Aussaat, zur Leinölgewinnung oder zu medizinischen Zwecken. Die beim Riffeln entstehenden Flachsabfälle, in Südtirol „Braut" genannt, werden wie die geriffelten Flachsstengel weiterer Bearbeitung unterzogen und zum Schluß zur Herstellung grober Säcke verwandt. Der beim Pressen von Öl anfallende Leinkuchen kann als Viehfutter restlos verwertet werden.

Der so gereinigte Flachs wird nun zum Rösten oder Rotten auf einer Wiese ausgebreitet und von Zeit zu Zeit gewendet, damit ein gleichmäßiges Rösten gewährleistet ist. Bei diesem Gärungs- und Fäulnisprozess zerstören Erdfeuchtigkeit, Regen, Tau und Sonne den Pflanzenleim, der die Bastfasern mit den holzigen Stängelteilen verbindet. Dadurch lässt sich die Faser während der nächsten Arbeitsgänge leichter ablösen. Das Auslegen der geriffelten Flachsstengel zum „reaßn“ erfolgte in mehreren dünnen, parallel verlaufenden Bahnen, um welche abschließend eine Bahn wie ein Rahmen rundherum gelegt wurde – dies nannte man „hoaranbroat'n" oder „hoaranlegen"(= Flachsausbreiten).

In Tirol ist vorwiegend die Tauröste im Einsatz, nicht aber die Wasserröste, bei der der Flachs über mehrere Wochen in ein Wasserbecken gelegt wird. Im Falle einer günstigen, also feuchten und warmen Witterung dauert die Tauröste nicht viel länger als vierzehn Tage, kann sich aber bei widrigen Verhältnissen über mehrere Wochen hinziehen. Von der richtigen Röstdauer hängen größtenteils Widerstandskraft und Farbe der Faser ab. Ob der Flachsstängel vollkommen geröstet ist, lässt sich schließlich an seiner hellen, silbergrauen Farbe erkennen.

Um die Stängelteile noch brüchiger zu machen, muss der Flachs anschließend gedörrt werden. Im ganzen Alpengebiet gab es vielerorts bis ins letzte Jahrhundert dorfeigene 'Badstuben', das sind Hütten mit einem heizbaren Raum und einem Vorraum, in welchem gedörrt und gebrechelt wurde. Nach und nach wurden sie jedoch als feuergefährlich verboten. Später benutzte man fast ausschließlich Brechellöcher, etwa zwei mal einen Meter große und einen Meter tiefe, gemauerte Gruben in der Nähe des Hofes. Der Flachs wurde hier auf einen Rost gelegt, unter dem ein Feuer brannte.

Im Spätherbst wird im Freien neben den Brechellöchern der noch warme Flachs von den Frauen gebrechelt. Lediglich das Vorbrechen übernimmt der Großknecht an der schweren Vorbreche. Durch das Brechen sollen die Flachsstängel vom Bast getrennt und die Fasern voneinander gesondert werden. Unter Breche versteht man einen vierbeinigen Holzbock mit einer Öffnung, in der ein Holzschwert eingerastet ist. Dieses wird nun hochgehoben und ein Flachsbündel daruntergelegt. Durch das Zuschlagen mit dem Schwert werden die Stängel in die Öffnung gedrückt und die Holzteile fallen ab.

Verschiedene Verarbeitungsstufen von Flachs: Die beiden Dosen links vorne zeigen Flachsstängel nach der Tau- bzw. Wasserröste.
Schräg dahinter sieht man die dazugehörigen Fasern, die nach dem Brecheln und Hecheln übrig bleiben. Die mittlere Dose in der 2. Reihe enthält einen Kammzug Langflachs, der zu Faden versponnen werden kann.
Ganz rechts ist ein fertig gesponnener Strang Leinenfaden zu sehen, der bereits gebleicht wurde. Vorne liegen die fertigen Leinenstoffe in verschiedenen Qualitäten.

Auf das Brecheln folgt das Hecheln, um aus dem Flachs die letzten Unfeinheiten herauszukämmen und die Fasern gleichzurichten. Verwendet werden dazu die Grob- und die Feinhechel, ein Holzbrett mit Eisenzähnen, die in konzentrischen Kreisen mehr oder weniger dicht angeordnet sind. Die Faserbündel zieht man so lange durch, bis nichts mehr hängenbleibt.

Der Flachs wurde in unterschiedliche Feinheitsgrade gehechelt. Das grobe Haar, auch Werg genannt, wurde zur Herstellung von  rupfenen Säcken sowie Seilen oder Fackeln verwendet. Der Abfall wurde Zutzel/Zussel (Maria-Luggau), Praut/Braut (oberes Lesachtal) und Rutze (Kötschach-Mauthen) genannt und auch zum Füllen von Bettzeug genutzt. Die Wörter „flächsen“ (Vorarlberg) und „harwen“ (Zillertal in Tirol) zeigen, dass sich für die Verarbeitung von Flachs eigene Verben herausgebildet hatten. War das Brecheln und Hecheln abgeschlossen, feierte dies die Hofgemeinschaft mit dem "Brechelfest".

Damit der Flachs versponnen werden kann, muss er einer weiteren Behandlung unterzogen werden: in der 'Seachte´ kochte der zu Strängen abgewundene Flachs fünf bis sechs Stunden lang in Aschenlauge. Daraufhin wird er in kaltem Wasser so lange gespült, bis er ganz sauber ist; zum Schluss kommt er an die Stadelwand zum Trocknen und kann anschließend versponnen werden.

Das Spinnen von Flachs war nur etwas für geübte Hände, weil die Fasern leicht brachen und es schwierig war, einen gleichmäßigen Faden zu spinnen. Des Weiteren zog das raue Flachsgarn die Hände der Spinnerin sehr in Mitleidenschaft, während die fettreiche Wolle die Hände schonte. Deshalb wurde das Spinnen von Flachs nach Möglichkeit den Dienstmägden überlassen, während die Bäuerin und deren Töchter lieber die Wolle spannen.

Nach dem Weben muss das fertige Leinen noch einmal in Lauge gekocht, mit Seifenwasser gewaschen und gebürstet werden, bevor man die Stoffbahnen auf einer südseitigen Wiese zum Bleichen ausbreiten kann. Dem Mondlicht wurde eine besondere Bleichkraft zugeschrieben. Das Bleichen machte das Gewebe brüchig und setzt die Widerstandsfähigkeit der Faser herab, was den Weber veranlasste zu sagen: weiß und faul.

Quellen: Südtiroler Landesmuseum für Volkskunde,  www.volkskundemuseum.it/de/altes-handwerk.asp
Die Bäuerliche Nutzweberei im Gadertal, Verena Staggl, 1983


English summary: This article is about the cultivation of flax in medieval Tyrol and the individual work steps needed to process the plant to linen fabric. It also gives the names of the individual tasks in the regional german dialect.

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